Gefunden von Svenja Blaczek im November 2025
Ich lese gerne Klappentexte und Vorworte, in denen Autor*innen die Entstehungsgeschichte ihres Werks und damit verbundene Anliegen erzählen. Aufgewachsen in den 1980er-Jahren in Großbritannien, geprägt von Geldknappheit und Flohmarktkleidung, beschreibt Tom Percival, wie er dennoch ein glückliches Kind war – dank Liebe, Gemeinschaft und einem fahrenden Büchereibus, der ihn mit Büchern versorgte, „soviel er brauchte“.
Dieses damals empfundene Glück verbunden mit Dankbarkeit für etwas für ihn nicht Selbstverständliches möchte er mit seinem Bilderbuch teilen. Dabei macht er Armut nicht nur sichtbar als gesellschaftliche Herausforderung, sondern zeigt auch Wege des Umgangs: durch Offenheit, den Blick auf das Gute und durch solidarisches Handeln. Armut darf nicht länger einsam machen! – und sie betrifft besonders oft Frauen, Alleinerziehende und Geflüchtete, die sich im Bilderbuch wiederfinden, ohne dass sie beschämt werden.
Auch in den 2020er-Jahren bleibt Armut leider eine drängende gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Mehr als jedes fünfte Kind in Deutschland wächst in Armut auf – in Haushalten, die über weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens verfügen oder Leistungen nach dem SGB II beziehen. Statistiken zeigen, dass sogar über ein Viertel der unter 25-Jährigen armutsgefährdet ist – ein neuer Höchstwert. Für zwei Drittel von ihnen ist dies ein Dauerzustand, der über Jahre hinweg anhält (nähere Informationen z.B. bei bei der AGJ: Armutssensibles Handeln).
Zum Inhalt
In poetischer Sprache erzählt Percival die Geschichte von Isabell, die mit ihrer Familie in Armut lebt – ohne Heizung, mit Eiskristallen am Bett. Trotz der Darstellung materieller Einschränkungen richtet das Buch den Blick auf das Wesentliche, oftmals kaum Sichtbare: auf Liebe, Geborgenheit und den Sinn für das Schöne. Für Isabell sind selbst die Eiskristalle „etwas Feines“.
Nach einem Umzug verliert Isabell ihren Halt und ihre Lebensfreude. Sie vereinsamt, wird in Text und Bild zunehmend farblos – „nach kurzer Zeit war sie fast unsichtbar“. Nur ihr Hund bleibt ihr treu, spiegelt ihre Traurigkeit und begleitet sie durch die schwere Zeit. Diese Begleitfigur erinnert an das (P)FUNDstück „Nicht mehr da“ von Eva Dax und Sabine Dully, in dem ein trauernder Junge ebenfalls durch einen Hund gestützt wird.
Die Wendung ist hoffnungsvoll – vielleicht märchenhaft, aber umso bedeutsamer. Isabell begegnet in der Folge anderen Menschen, die ebenfalls von Armut betroffen sind: einer alten Frau, einem Mann im Park, einem geflüchteten Jungen. Alle erleben Selbstwirksamkeit, indem sie etwas beitragen – der Junge repariert zum Beispiel Fahrräder. Isabell erkennt sich in ihnen wieder, findet Anschluss, Solidarität und Mut zum Handeln. Mit dieser neuen Lebenskraft kehrt auch die Farbe in ihr Leben zurück.
Die letzte Doppelseite zeigt ein buntes, vielfältiges Miteinander eines Stadtteils, in dem sich Menschen zeigen und unterstützen. „Ich gehör dazu!“ ermutigt zum Mitmachen in einer ungerechten Welt, die jeden Einsatz braucht.
Sich zu verändern, besonders aus einer Notlage heraus, ist schwer. Doch Percival zeigt auf berührende Weise, dass Wandel möglich ist – durch Zuwendung, Mitgefühl und gemeinsames Handeln.
Fazit
„Ich gehör dazu!“ ist ein poetisches, warmherziges Bilderbuch über Armut, Zugehörigkeit und Solidarität. Es bietet würdige Gesprächsanlässe über soziale Ungleichheit – und lädt Kinder wie Erwachsene dazu ein, hinzusehen, mitzufühlen und im gesamten Stadtteil ins Handeln zu kommen. Es erinnert auch an ein weiteres (P)FUNDstück, Amanda Gormans „Irgendetwas, irgendwann“.
Percivals Geschichte stiftet Zugehörigkeit und plädiert für gesamtgesellschaftliche Teilhabe, im November spürbar im Martinsfest. Und auch ein bereits weihnachtliches, der Evangelischen Kirche aber immerwährendes Anliegen! Durch viele Vorleseaktionen beim Bundesweiten Vorlesetag am 21. November in Kitas, Schulen, Büchereien und auf öffentlichen Plätzen wird nicht nur Percivals Anliegen gefördert. Auch Bücherbusse, Bücherschränke oder Lesefeste sowie ganzheitliche Leseförderung schaffen Zugänge zu Geschichten, die berühren und bewegen, in eigenes Tun zu gelangen. Aktuelle Vorlesetipps finden sich beim Evangelischen Literaturportal.

Das Buch ist leider beim Verlag vergriffen, wird aber von diversen Versandhändlern noch ausgeliefert und steht vielleicht in Ihrer Gemeindebücherei oder Mediothek.
Tom Percival: Ich gehör dazu! München: arsEdition, 2021

