(P)FUNDstück: Nicht mehr da

Von Eva Dax und Sabine Dully

Gefunden von Svenja Blaczek im Januar 2025

Pepe ist traurig.
Er vermisst seinen Schneemann.
Sein Schneemann ist geschmolzen.
Pepe trauert ein Jahr.

Es gibt viele Bilderbücher zum Thema Tod und Trauer – aber das einfühlsame Nicht mehr da von Illustratorin Sabine Dully und Autorin Eva Dax hat noch gefehlt und sei jedem ans Herz gelegt, der eigene Verlusterfahrungen deuten oder Kinder auf eine charmante Art und Weise mit in das herausfordernde Thema nehmen möchte.

Nicht mehr da ist die Geschichte von einem Schulkind namens Pepe und seiner Trauerbewältigung um einen zerflossenen Schneemann. Die Geschichte beginnt und endet im Winter. In einfacher, poetischer Sprache stellt sie den Lebenslauf eines Schneemanns dar. Sie vermittelt die tröstende Kraft von Erinnerungen und die Einsicht, dass Trauern seine Zeit braucht. Vergangenes braucht nicht unbedingt Ersatz, Pepe könnte einen neuen Schneemann bauen, er macht es aber nicht. Und Pepe ist auch kein Pfützenspringer, der in seine Trauer hinein- und aus ihr herausspringt… Sondern Pepe trauert richtig lange von seinem Fenster aus, mit Blick auf die gelebte Nachbarschaft, in der er aufgrund seines Schicksals erst einmal außen vor bleibt.

Nicht mehr da ist der Schneemann, den Pepe einst gebaut hat und über das Jahr hinweg vermisst. In Pepes Erinnerung wird zu Beginn der Geschichte die gemeinsam verbrachte, zurückliegende Winterzeit wieder aufgerufen – eine Zeit geteilter Freude und Spielereien. Pepe ist mit dem Schneemann umgegangen wie mit einem Freund, der für ihn ein ausgleichender Pol, ein beständiger Anlaufpunkt ohne Widerworte oder schlechte Laune war. Täglich hat er nach der Schule Pausen bei ihm eingelegt, um Eiszapfen zu lutschen, in die Luft zu gucken und den Wolken nachzusehen. Dieses Ritual hat ihm Halt für einen Winter lang verschafft. Die Beziehung zum Schneemann als Ort des Ruhens und einfachen Seins ist für Pepe so bedeutungsvoll, dass er mit ganz viel Kreativität und Intelligenz sogar versucht, den Schneemann auch nach Ablauf des Winters aufrechtzuerhalten…

Die Zeit der Trauer wird in der Geschichte nicht nur durch die Verwendung verschiedener Zeitformen ausgedrückt. Durch die Illustration der mitlaufenden Jahreszeiten wird ihre enorme Länge veranschaulicht. Während andere Kinder und Erwachsene draußen spielen oder durch den Herbstregen laufen, bleibt Pepe beharrlich am Fenster in seiner Einsamkeit und Hilflosigkeit sitzen. Die Bilderbuchgeschichte lässt an Prediger 3 denken, an die Trauer, die ihre Zeit brauchen darf.

Die freundschaftliche Beziehung und deren Verabschiedung löst sich erst im nächsten Winter langsam in wohltuenden Erinnerungen auf. Die Ruhe und Kraft, die der Schneemann und das tägliche Besuchsritual ausgelöst hat, findet Pepe nun in sich. Der Gedanke, dass etwas vom Schneemann nun in ihm ist, schenkt Pepe Selbstbestätigung und lässt ihn so seine Trauer und sein weiteres Leben zufrieden bewältigen.


In meinem Bücherregal steht Nicht mehr da neben thematischen Bilderbuchklassikern wie Amelie Frieds Warum hat Opa einen Anzug an? und Susan Varleys Leb wohl, lieber Dachs. Ich kann mich selbst und meine Verluste hineinlesen und zugleich anhand der Geschichte durch das Aufgreifen der zurückgebliebenden Dinge (Karotte, Hut und Möhre) Kinder in den Verlauf eines fiktiven Lebens mit hineinnehmen, wenn sie denn nicht selbst in diesen Wintertagen Schneemänner und -frauen bauen.

Als Religionslehrerin mit Gespür für sensible Themen wie Tod und Trauer kann ich auch mich aufsuchende Eltern, Bezugspersonen und Kolleg*innen mithilfe der durchaus auch witzigen, aber keineswegs albernen Geschichte die Bedeutung von Ritualen und Erinnerungen aufzeigen, die nicht nur Kindern guttun. Auch wenn Pepe einsam erscheint und auch allein gelassen, begleitet ihn doch ein Hund. Dadurch drückt sich für mich die Fürsorge aus, die Trauernde brauchen – auch neben dem „In-Ruhe-gelassen werden“.

Pepe schließt mit seinem Verlust auf der letzten Seite von Nicht mehr da Frieden, indem er die Anwesenheit seines zerflossenen Freundes, des Schneemanns, in sich spürt und vor allem sich selbst auch wieder wahrnimmt. Dankbar sitzt er eiszapfenlutschend im Schnee und hat dafür sein Fenster verlassen. Gute Gedanken und Kreativität verbunden mit Selbstwirksamkeit sind wunderbare Schlüssel, die Trauer aufbrechen lassen, Trost zu spenden und Bewältigung zu bieten.

Anschlussfähig ist die Geschichte an die christliche Haltung zum Umgang mit Tod und Trauer, die Augustinus von Hippo vor 1600 Jahren in folgende Schlüsselworte zusammengefasst hat: Auferstehung ist unser Glaube. Wiedersehen unsere Hoffnung. Gedenken unsere Liebe.

Hier kann man ins Buch schauen und sich zu den Autorinnen informieren.

Nicht mehr da. Eva Dax, Sabine Dully. München: Knesebeck Verlag, 2023.