Gefunden von Petra Wassill im April 2026
Mit seinem Buch „Mikroaggressionen mit 56 Beispielen. Die subtile Form der Diskriminierung“ legt Ramy Azrak ein kompaktes und gut lesbares Arbeitsbuch für alle vor, die Schule, Kirche und Gesellschaft diskriminierungssensibel gestalten wollen.
Im Zentrum steht der Begriff der Mikroaggression: kurze, beiläufige Kommunikationsakte, die Menschen aufgrund von Hautfarbe, Herkunft, Geschlecht, Behinderung, Religion oder sexueller Orientierung abwerten oder ausschließen – oft ohne erkennbare Feindseligkeit, aber mit klarer Wirkung. Anhand von 56 Beispielen wie „Wo kommst du wirklich her?“, „Du sprichst aber gut Deutsch“ oder „Du siehst gar nicht aus wie …“ zeigt Azrak, warum solche Sätze verletzend sind, welche Spuren sie hinterlassen und wie aus „nur so gemeinten“ Bemerkungen ein Muster struktureller Diskriminierung werden kann.
Besonders wertvoll ist die Verbindung von Theorie, Erfahrungswissen und praktischer Reflexion. Menschen, die Mikroaggressionen erleben, finden Worte für ihre Erfahrungen und Strategien, um sich nicht länger als „zu empfindlich“ abstempeln zu lassen; Menschen, die unterstützen wollen, werden eingeladen, ihr eigenes Verhalten zu hinterfragen, hinzusehen und Verantwortung zu übernehmen – auch dort, wo es unbequem ist. Die aufgezeigten Handlungsoptionen reichen von humorvoller Schlagfertigkeit über klare Grenzsetzungen bis hin zur bewussten Entscheidung, in bestimmten Situationen den eigenen Schutz höher zu gewichten als die pädagogische Aufklärung des Gegenübers.

Dass Azrak dieses Thema so präzise beschreibt, hat auch mit seiner eigenen Geschichte zu tun. Er ist Kind syrischer Eltern und wuchs in Bonn-Tannenbusch auf – einem Quartier, in dem viele Menschen mit strukturellen Herausforderungen und besonderem Förderbedarf leben. Schon früh merkte er, dass er sich in der Schule stärker anstrengen musste als manche Mitschüler:innen, die als „typisch deutsch“ galten.
Heute arbeitet Ramy Azrak als Diversity-Trainer, leitet seit vielen Jahren Workshops an Schulen und Bildungseinrichtungen und ist Stiftungsleiter der Dr. Moroni-Stiftung für Integration und Bildung, in der er Menschen unterstützt, die von Rassismus betroffen sind. Seine Arbeit ist getragen von der Überzeugung, dass nicht Aussehen oder Herkunft über die Chancen eines Menschen entscheiden sollten, sondern Talente, Mut und Möglichkeiten.
Gerade für pädagogische und kirchliche Kontexte ist dieses Buch hochaktuell: Es nimmt das vermeintlich Kleine ernst und zeigt, dass Respekt im Detail beginnt. In einer Gesellschaft, in der Rassismus, Sexismus und andere Diskriminierungsformen oft nur in ihren extremen Erscheinungen erkannt werden, hilft Azrak, die „leisen“ Formen zu sehen, zu benennen und ihnen etwas entgegenzusetzen.

Ein besonderer Gewinn für das Pädagogisch-Theologische Institut ist, dass Ramy Azrak nicht nur Autor, sondern auch Referent bei uns ist. Er gestaltet den Qualifizierungskurs „Diversity – Diversity is not about others, it’s about you“ mit und bringt dort seine fachliche und persönliche Expertise ein. Der nächste Durchgang dieses Kurses startet 2027 in Königswinter – eine gute Gelegenheit, das Thema Mikroaggressionen zu vertiefen, konkrete Handlungsräume in der eigenen Praxis zu entdecken und Ramy Azrak persönlich kennenzulernen. Interessierte Mitarbeitende in Schule und Kirche sind herzlich eingeladen daran teilzunehmen.
Weitere Informationen.
Ramy Azrak: Mikroaggressionen mit 56 Beispielen. Die subtile Form der Diskriminierung. Remscheid: Rediroma-Verlag, 2026.

