(P)FUNDstück: Vergiss mich

Von Alex Schulman

Gefunden von Petra Wassill im Oktober 2025

Ein Roman, der unter die Haut geht – und das Herz der Religionspädagogik berührt.

Was bleibt, wenn die Mutter, die man einst innig liebte, immer weiter verschwindet – nicht körperlich, sondern in einem Nebel aus Alkohol, Schweigen und unerfüllter Sehnsucht? In Vergiss mich erzählt der schwedische Autor Alex Schulman eindrucksvoll die autobiografische Geschichte seiner Kindheit an der Seite einer alkoholkranken Mutter – und von der mühevollen, oft verzweifelten Suche nach Nähe, Verständnis und Versöhnung.

Es ist Sommer. Schulman kehrt ins Landhaus seiner Mutter zurück, entschlossen, sie davon abzuhalten, sich zu Tode zu trinken – und sie zur Aufnahme in eine Entzugsklinik zu bewegen. Dabei wird deutlich: Diese Reise ist mehr als ein letzter Versuch zur Rettung. Es ist eine Rückkehr zu den Bruchstellen der eigenen Kindheit. In eindringlichen Rückblenden beschreibt Schulman das schmerzhafte Auseinanderbrechen der Beziehung zwischen Mutter und Sohn – und den verzweifelten Versuch, ihr die Hand zu reichen, als die Kluft zwischen ihnen bereits unüberbrückbar erscheint.

Dieses Buch ist kein pädagogisches Fachbuch – und dennoch hochrelevant für die Religionspädagogik. Denn es ist ein tief bewegendes menschliches Zeugnis. Schulman schreibt mit schmerzhafter Offenheit – doch ohne Bitterkeit. Er spricht von Co-Abhängigkeit, familiärem Schweigen und der lebenslangen Sehnsucht eines Kindes, gesehen und geliebt zu werden. Besonders bemerkenswert ist dabei seine sensible Auseinandersetzung mit der Dynamik der Co-Abhängigkeit – einem Thema, das in literarischen Werken oft ausgeklammert bleibt. Schulman aber stellt es in den Mittelpunkt und macht eindringlich deutlich, wie prägend – und zerstörerisch – diese Erfahrung für Kinder in suchtbelasteten Familien sein kann.

Auch das Schweigen innerhalb der Familie, das kollektive Wegsehen, das Tabuisieren – all das schildert er mit großer sprachlicher Kraft. Die Folgen: Scham, Sprachlosigkeit, Schuldgefühle. Sie ziehen sich wie ein roter Faden durch seine Erinnerungen. Und doch bleibt Schulmans Ton stets liebevoll, niemals anklagend. Das berührt tief. Er erhebt keine moralische Stimme gegen seine Mutter, sondern schreibt mit einer melancholischen Wärme, die erkennen lässt, wie stark seine Liebe zu ihr war – und vielleicht immer geblieben ist.

Statt zu urteilen, stellt er Fragen: Wie konnte es so weit kommen? Wo lagen die Ursachen? Was ist aus der Mutter geworden, die einst zugewandt und lebendig war – und später in Ignoranz und Wut versank?

Gerade in dieser Offenheit und Verletzlichkeit liegt die religionspädagogische Kraft dieses Buches. Vergiss mich lädt dazu ein, über das zu sprechen, worüber oft geschwiegen wird – im Klassenzimmer ebenso wie in der Gemeinde. Es macht Mut, biografische Brüche ernst zu nehmen, ohne den Menschen dahinter zu verlieren. Es eröffnet Räume, in denen Themen wie Schuld, Vergebung, familiäre Rollenbilder oder transgenerationaler Schmerz sensibel zur Sprache kommen können – etwa im Rahmen von Anthropologie, diakonischer Bildung oder seelsorgerlicher Arbeit.

Und es erinnert daran, dass selbst in den dunkelsten Geschichten ein leiser Ruf nach Liebe verborgen liegt – ein Gedanke, der tief in der biblischen Tradition verwurzelt ist.

Vergiss mich ist ein bewegendes, autobiografisches Buch über das Aufwachsen mit einer alkoholkranken Mutter – ehrlich, schmerzvoll und dennoch voller menschlicher Wärme. Eine Einladung, mit jungen Menschen über das Leben ins Gespräch zu kommen. Lesenswert – für den Unterricht. Für die Seele. Und vor allem: ein Buch, das man nicht vergisst.

Alex Schulman: Vergiss mich. München: dtv Verlagsgesellschaft, 2025.
Aus dem Schwedischen von Hanna Granz.
Die Erzählung ist die autobiographische Vorlage von Die Überlebenden.
Das Buch gibt es auch als Lesung mit Fabian Busch.