(P)FUNDstück: Und gib uns noch zwei gute Jahre

Von Martina Steinkühler

Gefunden von Petra Wassill im Februar 2026

„Alles, was lebt, lebt auf den Tod zu. Das macht Angst und sollte vielleicht besser neugierig machen.“

Mit diesem Satz öffnet Martina Steinkühler ihr Buch – leise, unerschrocken und ohne jede Schonung. Von der ersten Zeile an ist spürbar: Hier schreibt eine, die weiß, dass die Zeit endlich ist, und die dennoch nicht verstummt.

Das Buch beginnt an dem Tag, an dem das Wort „unheilbar“ ausgesprochen wird. Von da an ist das Ende unausweichlich, auch wenn offen bleibt, wie viel Leben noch bleibt. Martina Steinkühler entscheidet sich bewusst gegen weitere medizinische Maßnahmen. Sie entscheidet sich für Selbstbestimmung, für Klarheit – und für ein waches, verletzliches Leben bis zuletzt.

In tagebuchartigen Einträgen lässt sie die Leserinnen und Leser teilhaben an dem, was kaum auszuhalten ist: Abschied und Schmerz, Angst und Erschöpfung, aber auch Dankbarkeit, Nähe und unerwartete Momente von Licht. Sie schreibt von der zunehmenden Begrenzung ihres Körpers und von der Zerbrechlichkeit der Seele – und zugleich von dem, was trägt, wenn Sicherheiten wegfallen: Worte, Beziehungen, Erinnerungen und ein Glaube, der standhält.

Besonders eindrücklich ist die Dichte, mit der sich Sterbeerfahrung und Bibel in diesem Buch berühren. Biblische Texte treten nicht erklärend hinzu, sie legen sich behutsam an das Erleben an, begleiten, widersprechen manchmal, bleiben offen. Gerade darin liegt die Kraft dieses Buches: Es fordert, berührt und lässt vieles offen – nicht als Zumutung, sondern als Einladung. Die Offenheit überlässt die Leserinnen und Leser nicht sich selbst, sondern zieht sie hinein in einen intensiven inneren Dialog. Sie eröffnet Raum für eigene Fragen, für Zweifel, für Trost – und für Gespräche, die weitergehen müssen.

Martina Steinkühler, evangelische Religionspädagogin, Dozentin und Autorin, schreibt in einem unverkennbaren Ton: klar, schonungslos und zugleich von großer Zärtlichkeit. Ihr Abschied ist zutiefst persönlich und doch von einer Allgemeingültigkeit, die lange nachhallt.

Und gib uns noch zwei gute Jahre ist erst nach dem Tod der Autorin erschienen; zwei gute Jahre waren ihr nicht mehr vergönnt. Umso kostbarer ist dieses Buch als Vermächtnis. Eine schmerzhafte, tröstliche und zutiefst menschliche Lektüre – empfohlen für alle, die einen geliebten Menschen im Sterben begleiten, ebenso wie für jene, die sich selbst den großen Fragen des Lebens stellen wollen: der Endlichkeit, der Angst, der Hoffnung und der Frage, was trägt, wenn alles andere brüchig wird.

Martina Steinkühler: Und gib uns noch zwei gute Jahre. Buch meiner letzten Tage. Zürich: Theologischer Verlag, 2025

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