Gefunden von Petra Wassill im September 2026
Manchmal braucht es nur einen Sommer, damit ein Leben, das längst vorgezeichnet schien, plötzlich wieder offen wird.
In ihrem Romandebüt Restsommer erzählt Kea von Garnier von Dominik, einem Jugendlichen, der mit dem Tod erstaunlich vertraut ist. Sein Vater ist Bestatter, Dominik hilft im Familienbetrieb mit, und eigentlich scheint seine Zukunft bereits festzustehen: Er soll das Bestattungsinstitut einmal übernehmen. Dann kommt Biff in seine Klasse. Biff ist neu, unangepasst und lebenshungrig – und mit ihm gerät etwas in Bewegung.
Es ist der Sommer 2003. Freibad, Musik, Freundschaften und die Enge einer Kleinstadt bilden die Kulisse für eine Geschichte über die erste große Liebe zweier Jungen. Doch Restsommer erzählt von mehr als einem Coming-out. Es geht um eine Frage, die Jugendliche ebenso beschäftigt wie Erwachsene: Wessen Leben lebe ich eigentlich?
Wie viel von dem, was ich für meine Zukunft halte, habe ich selbst gewählt? Welche Erwartungen meiner Familie trage ich mit mir? Was geschieht, wenn meine Wünsche nicht zu dem passen, was andere für mich vorgesehen haben? Und wie viel Mut braucht es, den eigenen Weg überhaupt erst für möglich zu halten?
Gerade darin liegt für mich die religionspädagogische Kraft dieses Romans. Fast beiläufig berührt er große Themen religiöser Bildung:
Leben und Tod, Freiheit und Verantwortung, Identität, Liebe, Abschied, Zugehörigkeit und die Suche nach einem gelingenden Leben.
Dominiks besondere Nähe zum Tod verstärkt dabei die eigentliche Frage des Romans: Was bedeutet es, wirklich zu leben?
Kea von Garnier erzählt diese Suche zärtlich und nah an ihren Figuren. Die queere Liebesgeschichte wird dabei nicht zum pädagogischen „Thema“, sondern gehört selbstverständlich zu Dominiks Ringen um sich selbst. Das macht den Roman auch für den Religionsunterricht interessant: Er eröffnet einen Raum, in dem unterschiedliche Lebensentwürfe sichtbar werden können, ohne vorschnell bewertet oder erklärt werden zu müssen.
Für den Unterricht am Berufskolleg oder in der Sekundarstufe II ließen sich von der Lektüre aus überraschend viele Türen öffnen: zur Frage nach Beruf und Berufung, zu Vorstellungen eines gelungenen Lebens, zu familiären Erwartungen, zu Liebe und Identität – aber auch zu Tod, Trauer und Endlichkeit. Selbst die alte theologische Frage nach Freiheit bekommt plötzlich einen sehr gegenwärtigen Klang: Was heißt es, frei zu werden für das eigene Leben?

Vielleicht ist Restsommer deshalb ein besonders schönes Buch für die Zeit zwischen Sommer und Neubeginn. Es erinnert daran, dass Biografien nicht einfach festgeschrieben sind. Dass Menschen sich verändern dürfen. Dass ein vermeintlich sicherer Lebensweg auch verlassen werden kann. Und dass manchmal die Begegnung mit einem anderen Menschen genügt, um zu entdecken: Mein Leben könnte auch anders aussehen.
Ein warmer, melancholischer und lebensbejahender Roman – und eine Einladung, mit jungen Menschen über eine der vielleicht wichtigsten Fragen des Religionsunterrichts ins Gespräch zu kommen:
Was macht ein Leben zu meinem Leben?
Kea von Garnier: Restsommer. München: Blessing Verlag, 2026. 400 S.
Leseprobe und weitere Infos des Verlags zum Buch und zur Autorin

