Gefunden von Petra Wassill im Oktober 2026
Personal- und Organisationsentwicklung neu denken – 100 radikale Lernformate für das KI-Zeitalter
Ein Buch über Personalentwicklung in Unternehmen – was hat das mit Religionsunterricht zu tun? Auf den ersten Blick nicht viel. Auf den zweiten Blick eine ganze Menge.
Ulrich Wirth stellt in Resonante Lernkulturen eine These voran, die auch jede Religionslehrkraft aus eigener Erfahrung kennt: Klassische Vermittlungsformate – der Vortrag, das Arbeitsblatt, die durchgetaktete Stunde – verlieren an Wirkung. Nicht, weil Inhalte unwichtiger geworden wären, sondern weil Menschen anders lernen, als unsere Formate es vorsehen. Wirths zentrale Verschiebung: Lernen ist kein Transfer von Wissen von A nach B, sondern ein Beziehungsgeschehen. Es entsteht dort, wo echte Resonanz möglich wird – zwischen Menschen, zwischen Person und Gegenstand, zwischen Erfahrung und Deutung.
Genau das ist der Punkt, an dem das Buch für den Religionsunterricht interessant wird. Denn wenn es im RU um mehr geht als um Wissen über Bibel, Kirche und Ethik – wenn es um Beziehung zu existenziellen Fragen, um Haltung, um die Fähigkeit gehen soll, junge Menschen wirklich zu erreichen –, dann trifft Wirths Grundgedanke mitten hinein in unser eigenes Fach.
Resonanzpädagogik ist im religionspädagogischen Diskurs (Hartmut Rosa lässt grüßen) längst kein Fremdwort mehr. Wirth liefert dazu die praktische Seite: Er beschreibt über 100 konkrete Lernformate – von kleinen Mikroformaten bis zu größeren, offeneren Lernarchitekturen –, die zeigen, wie Lernräume aussehen können, die Beteiligung ermöglichen, statt nur Stoff durchzunehmen.
Was das Buch besonders macht, ist seine unaufgeregte Klarheit gegen den Kontrollreflex. Wirth plädiert für Offenheit statt Kontrolle, für Atmosphäre statt Agenda, für Partizipation statt Perfektion. Wer im Religionsunterricht schon einmal gespürt hat, wie viel mehr entsteht, wenn ein Gespräch sich selbst trägt, statt stur dem Stundenverlaufsplan zu folgen, wird sich in diesen Formulierungen wiedererkennen – und bekommt hier Sprache und Struktur dafür geliefert.

Natürlich schreibt Wirth primär für Führungskräfte, Personalentwickler*innen und Trainer*innen in Betrieben und Bildungseinrichtungen, nicht für die Schule. Manche Formate lassen sich nicht eins zu eins übertragen, und wer ein fertiges religionspädagogisches Methodenbuch erwartet, wird enttäuscht. Aber genau darin liegt der Reiz: Das Buch zwingt zur Übersetzungsarbeit – und diese Übersetzung lohnt sich. Wer als Religionslehrkraft, Fortbildner*in oder in der Gemeindearbeit über die eigene Lernkultur nachdenken will – über die Frage, wie Gruppen, Klassen oder Konfi-Gruppen zu Räumen echter Begegnung statt bloßer Belehrung werden –, findet hier einen Steinbruch an Anregungen und eine Haltung, die ansteckend wirkt.
Fazit: Kein religionspädagogisches Fachbuch, aber ein Denkanstoß-Buch, das die eigene Unterrichts- und Lernkultur von außen beleuchtet – und dabei überraschend viel Resonanz für die religionspädagogische Praxis erzeugt.
Ulrich Wirth: Resonante Lernkulturen. Personal- und Organisationsentwicklung neu denken. 100 radikale Lernformate für das KI-Zeitalter. BoD – Books on Demand 2026.
