(P)FUNDstück: Oben Erde, unten Himmel

Von Milena Michiko Flašar

Gefunden von Dr. Isabel Schneider-Wölfinger im März 2025

„Ich war gern allein. Und eigentlich hat sich daran auch nichts geändert. Nach wie vor bin ich kein Mensch, der viel Gesellschaft um sich braucht. Anders als früher brauche ich jedoch welche, und die Erkenntnis, dass dem so ist, hat meinem Leben eine neue Richtung gegeben. Davor glich es einer Einbahnstraße, auf der nur ich allein unterwegs war. Kein Gegenverkehr. Kein Stau. Ich kam einigermaßen voran. Aber machte es mir denn Spaß voranzukommen? Die Antwort lautet definitiv Nein.“ (S. 11)

Suzu ist eine junge Frau, die lieber allein ist; an anderen Menschen ist sie nur mäßig interessiert. Ihre Eltern sieht sie selten; sie wohnt in einer Ein-Zimmer-Wohnung in einer japanischen Großstadt. Die abendliche Routine mit ihrem Hamster genügt ihr völlig. Wenig gesprächig, verliert sie ihren Job im Restaurant; dort arbeitet sie sorgsam und schnell, jedoch den Gästen kaum zugewandt. Eine berufliche Zukunft mit einem soliden Beruf, wie ihre Eltern es sich erhofften, strebt sie nicht an.

Einsamkeit ist ein gesellschaftliches Phänomen unserer Zeit, durchzieht alle Bevölkerungsgruppen und -schichten. Im Roman Oben Erde, unten Himmel von Milena Michiko Flašar wird das Thema differenziert aufgenommen. Es geht um die Einsamkeit der jungen Frau und die der alten Nachbarn; es geht um Beziehungsverluste und alleingelassene Kinder wie um einsam Gestorbene. Den einsamen Tod von Menschen, die in sozialer Isolation leben, nennt man in Japan Kodokushi. Desinteresse und Diskretion verschwimmen oft ineinander in den Großstädten, die zusammenwachsen und zugleich die Menschen voneinander entfernen.

Suzu nimmt einen Job als Leichenfundortreinigerin an und merkt, wie diese Arbeit sie erfüllt. Ihr Team wird angehalten, den Leichen, die zum Teil monatelang unentdeckt blieben, einen würdigen Abschied zu geben und deren Wohnorte blitzblank zu hinterlassen. Diskretion und Achtsamkeit gehört zur wesentlichen Grundhaltung der Leichenfundortreiniger. Wer dabei an die satirische Fernsehserie „Der Tatortreiniger“ denkt, liegt daneben.

Die sensible Arbeit würdigt das Leben des Verstorbenen; es braucht Geduld, Sorgfalt, Ehrfurcht und einen robusten Magen.

„Das Begrüßungsritual war in Herrn Sakais Augen ein wesentlicher Bestandteil unserer Arbeit. (…) Manchmal, wenn er es für angebracht hielt, klopfte er an die Tür. Manchmal nicht. Dann richtete er ein paar Sätze an den Menschen, der dahinter gelebt hatte. „Machen Sie sich keine Sorgen“, war ein Standardsatz, „Sie müssen sich nicht schämen für die Unordnung, die Sie hinterlassen haben.“ Es waren banale Sätze, die weder besonders ausgefeilt, noch besonders würdevoll waren. Und besonders persönlich waren sie auch nicht. Eher ging es darum, dem Verstorbenen eine gewisse Teilhabe zu ermöglichen. Er sollte nicht überrumpelt werden.“ (S. 224)

In ihrer neuen Arbeit lernt Suzu schnell, und zugleich ist sie angewiesen auf die anderen aus der Putztruppe. Sie lernt andere Menschen kennen, tote wie lebendige. Sie lernt sich auf andere Menschen einzulassen, hinter die Fassaden zu schauen, spürt, wie ihre eigene sich aufzulösen beginnt. Beziehungen werden wichtig: die Eltern, die Nachbarn, der junge Kollege, die alte Frau aus dem Schwimmbad (die klaut, um ins Gefängnis zu kommen, denn zuhause ist sie allein), der Chef. Sie alle sind nun ein wichtiger Teil ihres Lebens. Das kann auch der Tod nicht mehr ändern.

„Beim Hinausgehen blickten wir uns noch einmal um. Das milchige Winterlicht (…) tanzte nun halb auf dem Boden, halb auf der Wand. Wir schlüpften in unsere Schuhe, die nebeneinander aufgereiht im Eingang standen. Dann – mit einem letzten Blick auf das, was hinter uns lag – machten wir uns auf den Weg.“ (S. 290)

Milena Michiko Flašar hat mit diesem feinfühligen Roman zu Recht den Evangelischen Buchpreis 2024 gewonnen.

Milena Michiko Flašar: Oben Erde, unten Himmel. Berlin: Verlag Klaus Wagenbach, 2023

 

Materialhinweis
Jedes Jahr gibt das Evangelische Literaturportal zum Preisbuch ein Heft mit Anregungen für die Arbeit mit dem Buch in der Gemeinde heraus. Neben einem Literaturgottesdienst wurden Bausteine für den Schulunterricht und vier sehr unterschiedliche Konzepte für Gemeindeveranstaltungen entworfen. Von einer meditativen Annäherung an Himmel und Erde und das Nachdenken über Erinnerungskultur bis hin zum Gestalten von Erinnerungsboxen und einer Gebetswand reicht das vielseitige Angebot.
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  • Dr. Isabel Schneider-Wölfinger