Gefunden von Svenja Blaczek im Juli 2026
Nein sagen. Über den 20. Juli 1944, meine Eltern und persönliche Verantwortung heute
Nein sagen enthält die Rede, die Matthias Brandt am 20. Juli 2025 in der Gedenkstätte Berlin-Plötzensee zum Gedenken an die Widerstandskämpfer des 20. Juli 1944 hielt, deren Attentat auf Adolf Hitler scheiterte. Neben der Rede selbst legt Brandt seine persönlichen Beweggründe dar, diese Aufgabe überhaupt zu übernehmen.
Diese Beweggründe haben mich besonders angesprochen. Menschen, die zu schwierigen Themen Stellung beziehen und ihre Stimme erheben, leisten einen wichtigen Beitrag zum gesellschaftlichen Diskurs. Oft sprechen sie damit auch für diejenigen, die ähnliche Überzeugungen haben, sich selbst aber nicht öffentlich äußern. Gleichzeitig weiß ich von vielen Lehrkräften, dass sie schwierige Gespräche und kontroverse Themen aus Angst oder Unbehagen meiden. Diese Zurückhaltung ist durchaus nachvollziehbar. Deshalb ist der Koblenzer Konsent wichtig. Er ermutigt Religionslehrkräfte, ihre Positionalität und Perspektivität transparent zu machen. Kontroverse Themen werden aufgegriffen, ohne fertige Antworten vorzugeben. Dadurch entsteht Raum für Diskussionen und eigenständige Urteilsbildung. Der Einsatz für Demokratie und Menschenwürde braucht eine sachliche, reflektierte und respektvolle Argumentation. Schwierige historische und gesellschaftliche Fragen können verhandelt werden, ohne Andersdenkende herabzusetzen. Schülerinnen und Schüler gewinnen Orientierung und werden darin bestärkt, Verantwortung für ihr Denken und Handeln zu übernehmen.
Als Sohn des Emigranten und späteren Bundeskanzlers Willy Brandt und seiner Frau Rut Hansen spricht er aus heutiger Perspektive über den Mut und die Motive der Widerstandskämpfer des 20. Juli. Brandt fordert seine Leserinnen und Leser dazu auf, über die eigene Verantwortung in einer demokratischen Gesellschaft nachzudenken. Das historische Beispiel des Widerstands gegen den Nationalsozialismus wird dabei nicht nur erinnert, sondern als Anstoß verstanden, sich auch heute gegen Unrecht, Ausgrenzung und Menschenfeindlichkeit einzusetzen.
Er schreibt bewusst aus seiner persönlichen Perspektive und regt durch seine Überlegungen dazu an, eigene Antworten zu finden. So bezieht er sich beispielsweise auf den jüdischen Remigranten Fritz Bauer, der als Jurist eine treibende Kraft bei der strafrechtlichen Aufarbeitung des Nationalsozialismus war:
„Wie hätte Fritz Bauer auf unsere Gegenwart geblickt?, frage ich mich. Wenn ich ihn richtig verstanden habe, dann hätte er vielleicht gesagt, dass Demokratie und Freiheit heute beglaubigt werden müssen, nicht nur im Rückblick. Dass Mitmenschlichkeit keine Selbstverständlichkeit ist. Und dass es dafür Menschen braucht, die unbequem sind. Solche, wie er einer war.“ (S. 79)
Brandt macht in seinem Buch auch deutlich, wie schwer ihm die Vorbereitung der Rede angesichts des Ausmaßes des Schreckens fiel. Die Erinnerung an die Hinrichtung der Widerstandskämpfer und der Besuch der Gedenkstätte ließen ihn zeitweise sprachlos werden. Dennoch ist er dankbar, die Aufgabe angenommen und die Rede gehalten zu haben.

Nein sagen ermutigt, den Koblenzer Konsent zu leben und im eigenen pädagogischen Handeln lebendig werden zu lassen, zum Beispiel in Gesprächen mit Eltern, Kollegen und Kolleginnen.
Matthias Brandt: Nein sagen. Über den 20. Juli 1944, meine Eltern und persönliche Verantwortung heute. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2026.
Das Buch ist inzwischen in der 5. Auflage erschienen.
Leseprobe
Den Titel gibt es im Argon-Verlag auch als Hörbuch, gesprochen vom Autor.

