(P)FUNDstück: Ich tat die Augen auf und sah das Helle

Von Mascha Kaléko

Gefunden von Astrid Weber im April 2025

Golda Malka Aufen, so ihr Geburtsname, hat in ihrem Leben oft umziehen müssen. Ihre Familie floh 1914 vor den Kriegswirren aus Galizien nach Deutschland. In Berlin fand sie für viele Jahre eine Heimat. Nach der Schulzeit bildete sie sich parallel zu ihrer Bürotätigkeit in Philosophie und Psychologie weiter. Ab 1929, kurz nach ihrer Heirat mit Saul Aaron Kaléko, veröffentlichte sie erste Gedichte, kam in Kontakt mit vielen Schriftstellern und zählte in den 30er Jahren wegen ihrer von Treffsicherheit, Ironie und Melancholie geprägten Lyrik zu den beliebtesten Autor*innen ihrer Zeit.

Mit ihrem zweiten Mann Chemjo Vinaver und ihrem Sohn emigrierte die jüdische Dichterin 1938 in die USA. Nach dem Krieg kehrte sie nur besuchsweise nach Deutschland zurück. 1959 übersiedelte sie mit ihrem Mann auf dessen Wunsch nach Jerusalem, wo sie kaum Anschluss fand. Sie erlitt den Tod ihres Sohnes und ihres Mannes. Vor 50 Jahren, am 21. Januar 1975, starb sie auf ihrer letzten Europa-Reise im Alter von 68 Jahren an Krebs.

Daniel Kehlmann, selbst ein bekannter Schriftsteller und im Todesjahr der Kaléko geboren, hat für den in zart-intensives Grün gehüllten Band eine vielfältige Auswahl von Gedichten und kurzen Prosatexten getroffen und ein Vorwort verfasst. Während die Anordnung der eingestreuten Prosastücke chronologisch ist, orientieren sich die Gedichte an inhaltlichen Kristallisationspunkten. So lässt sich das Leben der Kaléko sowohl an Lebensstationen als auch an Leitmotiven nachvollziehen.

Ein ganz spätes Gedicht stellt Kehlmann an den Anfang. „Mein schönstes Gedicht“ spricht von Quelle und Horizont des Schreibens, ohne zu konkretisieren, genauer: indem im Gedicht verneint wird, dass es bzw. seine ideale Gestalt geschrieben wurde. Nirgends habe ich in so wenigen und einfachen Worten von (und aus) dem Ursprung der Dichtung gelesen.

Mein schönstes Gedicht
Ich schrieb es nicht
Aus tiefsten Tiefen stieg es
Ich schwieg es

Konkret sind ihre Gedichte aber ansonsten wie kaum welche. Ihre direkte Sprache und Lakonie, ihr Humor und ihre Wort- und Versspiele sind Ausdruck und offener Trotz einer verletzlichen Seele, die genau auf das schaut, was ihr begegnet, sich berühren und treffen lässt oder sich dem Augenblick hingibt. Es ist ein „Angebrochener Abend“ im Jahr 1932, vielleicht einer der letzten vor der Herrschaft der Nationalsozialisten (S. 60):

Ich sitz in meinem Stammcafé.
Es ist schon spät. Ich gähne…
Ich habe Sehnsucht nach René
Und außerdem Migräne […]

In anderen Gedichten trifft der lapidare Ton auf harte, trostlose Einsichten. Zu Gott hat sie ein gebrochenes Verhältnis. In „Verse für keinen Psalter“ dichtet Kaléko 1945 (S. 211):

Herr Zebaoth spaziert im Wolkenhain
Und schert sich einen Blitz, wie ich das finde.
Ich möcht in dieser Zeit nicht Herrgott sein.
Wie aber sag ich solches meinem Kinde? […]

An ihren Sohn richtet sie wunderbare Zeilen, so im selben Jahr in „Einem kleinen Emigranten“ (S. 204):

Du Kind, mein Herz gehörte dir schon ganz,
Als du ein Nichts noch warst, ein ferner Glanz […}

Bis auf einige späte Gedichte nutzt Kaléko den traditionellen Formenschatz von Reim und Versmaß und bringt ihre Szenerien mit entwaffnend leichter Hand zum Glänzen – vielleicht eine Art Abglanz des „Schönsten“? Trotz Liebesleid, Schmerz über den Verlust der Liebsten und der Heimat, Nachrichten des Grauens aus Europa – Mascha Kaléko schreibt sich in die Tradition der deutschsprachigen Literatur eines Heine, Kästner oder Ringelnatz ein und hält auch im Exil daran fest. „Ich tat die Augen auf und sah das Helle“ – mit diesem Gedicht benennt und beschließt Daniel Kehlmann seine Textauswahl.

Das Buch ist in der Hochschul- und Landeskirchenbibliothek Wuppertal (HLB) ausleihbar.

Hier können Sie in den Band hineinschauen.

Hier und beim dtv erfahren Sie mehr zur Dichterin und ihrem Werk.