(P)FUNDstück: Hundertsiebenundachtzig Tage

Von Ludovic Lecomte

Gefunden von Astrid Weber im März 2026

Die Geschichte eines 16-Jährigen mit einer Angststörung.

187 Tage – so lange dauert die Selbstisolation des Protagonisten, der in dieser Zeit das Haus nicht verlässt und keinen Besuch empfängt. In 17 Gedankenkreisen versucht das literarische Ich, sich ins gesellschaftliche Leben zurückzubewegen. Passend dazu ist die Zählung der Kapitel umgekehrt chronologisch und läuft auf einen möglichen Neuanfang zu.

Im ersten bzw. 17. Kapitel sind es nur noch zwei Stunden bis zu diesem Schritt – in etwa die Lesezeit des schmalen Buchs. Das jugendliche Ich verbringt diese Zwischenzeit – zusammen mit dem Leser – mit Reflexionen des vergangenen halben Jahrs und beschreibt seine psychische Erkrankung, deren Grund ihm allerdings nur in Ansätzen klar wird.

Nur vier Bezugspersonen sind ihm über die Zeit geblieben: seine Eltern, seine Therapeutin und eine Manon, die er in einem Betroffenen-Blog kennengelernt hat. In die Erinnerungen klinkt sich immer wieder das Wissen um den näher rückenden Zeitpunkt der Entscheidung ein sowie die Sorge, das Gefängnis vielleicht doch nicht verlassen zu können.

Der Autor Ludovic Lecomte, ein Grundschullehrer, gewährt den Lesenden Einblick in die Gedanken und die Sprache eines (nicht nur) poetisch sensiblen Jugendlichen, der zwischen Lustlosigkeit und Freude an Musik, Literatur und Filmserien schwankt, zwischen Angst, Verzweiflung, Einsamkeit und der Hinwendung zu einer neuen Freundin. Erst allmählich dämmert es ihm, womit seine Angststörung zu tun haben könnte: mit einer tiefen Verunsicherung um die Zukunft der Welt angesichts des drohenden Klimawandels.

Diese Totalperspektive hat ihm offenbar seinen ganzen Lebensraum imprägniert, so dass er sich in den (zugleich tatsächlichen und vermeintlichen) Schutzraum der familiären Wohnung zurückgezogen hat, in den auch seine beiden Schulfreunde keinen Zutritt erhalten. Vorgeprägt war diese Rückzugsstrategie durch einen Giftunfall und die Order der Schulleitung, an diesem Tag nicht zum Unterricht zu kommen.

Dem Schulunterricht war der Junge fortan dauerhaft ferngeblieben, generell unfähig, die Schwelle zur Außenwelt zu überschreiten. Der Staat und die Eltern üben keinen Zwang aus. Das Ich anerkennt die Bemühungen seiner Eltern und akzeptiert auch die professionelle Unterstützung durch die Therapeutin. Diese erspart es dem Jungen, face to face mit ihm in Kontakt zu treten und macht ihm keinen Druck. Eine durchgreifende Änderung scheint allerdings nicht in Sicht.

Neben dieses Geländer der drei Erwachsenen tritt irgendwann Manon, die Ähnliches erlebt hat und mit der der Junge seine Gefühle teilen kann. Die Blog-Bekanntschaft lässt ihn mit ihrer Fröhlichkeit und Geduld allmählich Zutrauen und Interesse an Kommunikation und an der Außenwelt gewinnen.

Beim schließlich gewagten Schritt nach draußen kann er die zarte Frühlingsbrise im Gesicht genießen. Und er ist gut vorbereitet, hat sich mit der Therapeutin ein Szenario erarbeitet. Dabei begleitet ihn seine Ukulele und das Lied „Somewhere over the Rainbow“ von Judy Garland wie eine Prophezeiung: „Dort wirst du mich finden“, heißt es am Ende von Kapitel 1. Und es folgt noch ein scheinbar lapidarer Nachsatz, ebenfalls ein Zitat aus dem Song: „Warum eigentlich nicht?“

Dass ein Entwicklungs- und Heilungsprozess neben einem stützenden Elternhaus, therapeutischer Hilfe und dem Austausch mit Betroffenen auch Zeit und Geduld zum Wachsen braucht – darauf spielt der deutsche Titel des Bändchens an. Im Französischen heißt das Buch schlicht „La Cabane“, d.i. „Die Hütte“ oder „Das Baumhaus“ und bezeichnet damit den Rückzugsort der Kindheit des Protagonisten, wo er – der Welt enthoben – für sich allein sein durfte.

Ein Buch für Teenager, die diffuse Ängste kennen und nicht wegwischen wollen, die sich für Helden jenseits von action interessieren, mit Stereotypen und einfachen Erklärungen nicht zufrieden sind und sich auf die Suche nach sich selbst und den grundlegenden Fragen des Lebens machen möchten.

Ein Buch auch für den Schulunterricht in der Sekundarstufe I und II, um die – oft von außen unsichtbare – Gefühlslage von Jugendlichen zu thematisieren, die durch globale ökologische, wirtschaftliche und politische Entwicklungen sowie auch durch die Covid-Pandemie verunsichert und vereinsamt sind.

Das Buch ist auch für erwachsene Leser interessant – und nicht nur für Pädagogen und Therapeuten. Es erinnert literarisch Interessierte an Motive von Virginia Woolf, insbesondere an den Essay „Ein Zimmer für sich allein“, an die Glockenschläge während eines Junitags, die den Roman „Mrs Dalloway“ durchziehen, sowie an die Erzählweise des Bewusstseinsstroms. Und es erinnert an die eigenen Fragen, die einen als junger Mensch noch im Innersten getroffen und verletzt haben – und die zu verdrängen am Zustand der Welt mitverantwortlich ist.

Ludovic Lecomte: Hundertsiebenundachtzig Tage.
Aus dem Franz. von Nadine Püschel. München: Mixtvision, 2026. 111 S.

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