Gefunden von Marion Keuchen im November 2024
Mein Sohn und ich, wir sind uns einig: „Die Hochhaus-Detektive“ ist eine Buchreihe, die sowohl für neunjährige Jungen wie auch für Religionspädagoginnen sehr lesenswert ist. Mein Sohn fand die beiden Bände eine der spannendsten Detektivromane, die er bisher gelesen hat. Ihm gefiel, dass sie in seiner Zeit spielen. Vorher las er „Emil und die Detektive“ (1929) von Erich Kästner, die im Berlin der 1930er Jahren spielen. Es gibt folglich weder Handys, noch Internet. Das Mädchen „Pony Hütchen“ macht auch nicht bei den Ermittlungen mit, sondern versorgt nur die Jungen mit Kakao und Brötchen. All‘ das befremdete meinen Sohn, er fand es „unlogisch“ und „nicht so gut“.
Ganz aktuell dagegen „Die Hochhaus-Detektive“: Der erste Band spielt kurz nach der Coronazeit in Deutschland im Jahr 2021. Die neunjährige Isha zieht mit ihrer Familie in das „berüchtigtste Hochhaus der Stadt“, weil ihre Familie sich ihre alte Wohnung nicht mehr leisten kann, nachdem das indische Restaurant ihrer Eltern wegen der Lockdowns in der Coronapandemie schließen musste und kein Geld mehr zu verdienen war. Isha wird als „Superhirn“ charakterisiert. Sie „liebt Verbrechen, knifflige Rätsel und kann extrem gut Wissen abspeichern. Ihren Verstand schärft sie mit Yoga und dem Lesen von Krimis“ (S. 5). Sie hat mehrere Geschwister, u.a. eine ältere Schwester Charu, die nicht mehr zu Hause wohnt, sondern in einer anderen Stadt Jura studiert, um Anwältin zu werden und ihre kleine Schwester Isha mit juristischem Wissen und Zugang zu ihrem Handy unterstützt.
In dem Hochhaus trifft Isha den neunjährigen Anton, den „Tüftler & Internetchecker“. Anton lebt alleine mit seiner Mutter Susi, einer Bäckereifachverkäuferin, in dem Hochhaus. „Anton baut aus einer Salatschüssel und Solarzelle einen Cola-Kühler. Ohne Klebeband und Kabelbinder geht er nicht aus dem Haus.“ (S. 5). Zudem recherchiert Anton im Internet und liebt ebenso wie Isha Detektivarbeit. Die beiden gründen den Detektivclub „Die Hochhaus-Detektive“, der sich auf dem Dach des Hochhauses trifft.
Dritter im Bunde ist der achtjährige Mesut, der „Überzeugungskünstler. Mesut ist nicht nur auf dem Schachbrett schlagfertig. Seine Superpower ist seine Redekunst, er könnte sogar einen Cheeseburger überzeugen, dass er in Wirklichkeit ein Döner ist.“ (S. 5). Mesut hat ebenfalls Geschwister, u.a. einen älteren Bruder Firat, der im ersten Fall für Mesut selbst der Hauptverdächtige ist.
Die drei Kinder erleben in ihren Sommerferien einen spannenden Krimifall, der sich um einen Pizzaboten dreht, der an Haustüren von reichen älteren Menschen klingelt, ihnen eine Pizza einer vorgegebenen Bestellung serviert und dazu ins Haus gelassen wird, wobei er die Opfer bestiehlt. Mein Sohn fieberte mit der Lösung des Falls mit und lachte sehr über die drei unterschiedlichen Charaktere der Kinder und ihre Gespräche untereinander. Auch seine Mutter fand ein Gespräch im Treppenhaus des Hochhauses ebenfalls sehr anregend und völlig unerwartet. Die Kinder benutzen die Treppen und nicht den Lift, um den übergewichtigen Anton etwas fitter zu machen:
„Schweigend arbeiteten sie sich bis zum siebten Stockwerk hoch, bevor Anton wieder eine Pause machen musste. Bevor Isha wieder drängeln konnte, lenkte Mesut sie ab: ‚Was hast du denn heute noch für eine Familienfeier?‘ ‚Wir feiern heute Guru Purnima. Unsere ganze Familie kommt zusammen, wir danken allen, von denen wir im Leben etwas gelernt haben, und ganz besonders unserem Guru.‘ ‚Was ist ein Guru?‘ ‚Ein Guru ist alles. Er erinnert uns, wo wir herkommen und wo wir hingehen. Er leuchtet im Dunkeln und führt uns.‘ ‚Ist er mit Leuchtfarbe angemalt?‘, fragt Anton interessiert. ‚Wo führt er euch denn hin?‘, fragte Mesut. ‚Er führt uns aus unserem Kopf heraus und bringt unseren Verstand zum Stehen. Er lässt uns mit unseren Herzen sehen.‘ ‚Das schafft der bei dir?‘, lachte Mesut. ‚Ja, stell dir vor‘, grinste Isha. Anton und Mesut hörten gespannt zu, und so steigen sie Stockwerk um Stockwerk hoch. ‚Wie heißt eurer Guru?‘, wollte Anton wissen. ‚Maharajji. Er hat letztes Jahrhundert in Nordindien gelebt.‘ ‚Wie, der lebt gar nicht mehr?‘, fragte Anton erstaunt. Isha musterte Anton, um einzuschätzen, wie viel Wahrheit er verkraften konnte: ‚Er bewegt sich jenseits von Raum und Zeit.‘ ‚Das ist ziemlich irre‘, meinte Anton. ‚Findest du?, fragte Isha. ‚Für mich ist das normal. Maharajji gibt mir ganz viel Kraft, ich muss nur an ihn denken.‘ […] ‚Stimmt es, dass es in Indien ganz viele Götter gibt?‘ Isha winkte ab: ‚So viele sind es auch nicht. Nur ungefähr drei Millionen.‘ ‚Das gibt es doch gar nicht‘, rief Anton. Mesut schlug sich mit der Hand vor den Kopf, weil er das nicht fassen konnte. ‚Was macht ihr denn mit so vielen Göttern?‘ ‚Was macht ihr Moslems mit nur einem Gott?‘, fragte Isha schlagfertig zurück. Mesut musste lachen, während Anton feststellte: ‚Ich habe gar keinen Gott.‘ Isha und Mesut schauten ihn überrascht an. Da bemerkten sie, dass sie gerade das oberste Stockwerk erreicht hatten.“ (S. 109-111)
Nach einem Drittel des Buches unterhalten sich die Kinder zufällig über ihre Religionen bzw. ihre Konfessionslosigkeit. Im weiteren Verlauf wird von ihren Religionen weitererzählt: Isha betet zu ihrem Gott Kali, dass sie den Dieb finden (S. 146) und bringt Anton und Mesut einige Yoga-Praktiken bei, damit Mesut „ruhiger“ wird (S. 164). Das alles geschieht weder pädagogisierend noch moralisierend, sondern in der Sprache und Verständniswelt von Kindern. Die drei Kinder verkörpern sicherlich einige Stereotype, machen dies aber auf eine sympathische und unaufdringliche Weise, dass sie mich und meinen Sohn überzeugen und authentisch wirken.
In einem Detektivroman für Grundschulkinder habe ich keine interreligiösen Gespräche erwartet. Ich habe den Roman als Literaturwissenschaftlerin mit einem Interesse an Kinder- und Jugendliteratur zur Hand genommen; aufgehört habe ich am Ende als Religionspädagogin mit einem Interesse für interreligiöses Lernen. Der Detektivroman ist nicht als interreligiöses Lern- und Lesebuch angelegt und von der Autorin auch nicht intendiert. Im Erzählen von der eigenen Religion und der Weltanschauung und im offenen Gespräch darüber liegt für mich als Religionspädagogin aber gerade eine Chance für interreligiöses Lernen, unaufdringlich und im konkreten Leben von Kindern verortet. Mich freut, dass interreligiöses und friedliches Zusammenspielen von Kindern gerade ‚en passant‘ geschieht, selbstverständlich ist, nicht extra thematisiert und von Erwachsenen zusätzlich didaktisiert werden muss. Das macht mir Hoffnung für unser interreligiöses und konfessionsloses Deutschland. Mein Sohn und ich, wir fiebern gemeinsam dem dritten Band der „Hochhaus-Detektive“ entgegen.

Johanna Lindemann: Die Hochhaus-Detektive, illustriert von Elli Bruder, Edition Michael Fischer, Igling 2023 (Band 1)
Johanna Lindemann: Die Hochhaus-Detektive, Achtung Handyfalle, illustriert von Elli Bruder, Edition Michael Fischer, Igling 2023 (Band 2)

