Gefunden von Petra Wassill im Mai 2026
Manche Bücher liest man – andere lassen einen nicht mehr los. „Da, wo ich dich sehen kann“ von Jasmin Schreiber gehört zu denen, die bleiben.

Schreiber erzählt einen Femizid – und verweigert konsequent die Perspektive des Täters. Stattdessen richtet sie den Blick auf die, die zurückbleiben: auf die neunjährige Maja, auf Familie, auf Freundinnen. Eine große Stärke des Romans ist – trotz dieser Fokussierung – seine Vielstimmigkeit: Verschiedene Stimmen machen sichtbar, was oft unsichtbar bleibt – dass Gewalt nicht nur ein Leben zerstört, sondern viele.
80 Prozent der Femizidopfer sind Mütter. Sie hinterlassen Kinder, Beziehungen, ganze Lebenswelten. Der Roman erzählt von diesen Folgen – und vom Weiterleben danach.
Damit trifft er eine bedrückende Gegenwart. Femizide und Gewalt gegen Frauen nehmen zu, und es wird immer deutlicher, wie eng solche Taten mit Vorstellungen von Besitz, Kontrolle und einem toxischen Verständnis von Männlichkeit verknüpft sind. Der Roman macht diese Strukturen sichtbar, ohne sie plakativ auszustellen.
Dieser Roman verweigert uns die Distanz. Er führt hinein in eine Wirklichkeit, die leise beginnt: mit kleinen Verschiebungen, mit Abhängigkeit, mit Kontrolle – und die schließlich in tödliche Gewalt mündet. Gerade darin liegt seine erschütternde Kraft: Gewalt erscheint nicht als Ausnahme, sondern als Entwicklung, als etwas, das sich einschleicht und oft unbemerkt bleibt.
Besonders nah geht mir Maja. Ein Kind, das verstummt. Das Schuld empfindet, wo keine ist. Das sich fragt, ob in ihm selbst etwas Dunkles wohnt. Da, wo Maja hinschaut – in den Spiegel, in ihre Erinnerungen – ist nichts mehr selbstverständlich.
Dieses Buch klagt nicht laut an. Aber es macht etwas mit einem. Es öffnet die Augen für das, was so oft verborgen bleibt: für Gewalt in Beziehungen, für die Sprachlosigkeit der Betroffenen, für das Wegsehen im Umfeld. Vielleicht liegt genau darin seine größte Stärke: dass es uns dahin bringt, wo wir hinschauen müssen.
Theologisch berührt der Roman die großen Fragen – nach Schuld und Unschuld, nach dem Bösen, nach dem, was bleibt. Und doch gibt er keine schnellen Antworten. Da, wo man sie erwarten könnte, bleibt es still. 
Und dennoch: Es gibt sie, diese leisen Gegenbewegungen. Momente von Nähe, von Fürsorge, von vorsichtiger Hoffnung. Keine laute Hoffnung – eher eine, die sich tastend zeigt. Aber eine, die bleibt.
Für mich bleibt vor allem dies: hinzusehen, wo ich sonst vielleicht wegsehen würde. Wahrzunehmen, wo etwas nicht stimmt. Und nicht zu verstummen, wo Worte nötig sind.
Ein tief berührender, klarer Roman über einen Femizid – und über das Weiterleben danach. Ein Buch, das bleibt.
Jasmin Schreiber: Da, wo ich dich sehen kann. Köln: Eichborn im Verlag Bastei Lübbe, 2025
Blick ins Buch
NDR-Video „Buch des Monats“
Website der Autorin
Hinweis auf eine weiterführende Online-Fortbildung
Wer sich vertiefend mit dem Thema auseinandersetzen möchte, sei auf den kostenfreien Online-Kurs „Schutz und Hilfe bei häuslicher Gewalt – ein interdisziplinärer Online-Kurs“ (E-Learning Gewaltschutz) hingewiesen.
Der Kurs wird von der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychoptherapie des Universitätsklinikums Ulm angeboten. Er vermittelt praxisnahes Wissen zu Dynamiken häuslicher Gewalt, zum Erkennen und Ansprechen von Gewalt sowie zu Unterstützungsmöglichkeiten und rechtlichen Grundlagen.

