Gefunden von Sabine Lindemeyer im Dezember 2024

In diesem Buch geht es um „Brotbacken für die Seele“. Dass das Kneten von Brotteig, das wesentlich mehr Kraft benötigt, als man denkt, eine gute Möglichkeit ist, allerlei starke Gefühle zu kanalisieren, ist nicht neu. Ich hatte eine Phase in meinem Leben, in der ich ausgiebig Gebrauch davon gemacht habe. In „Breadsong“ erfüllt das Teigkneten zwar auch einen solchen Zweck, aber es geht um mehr: die Hefekulturen und ihr Eigenleben. Die zufällige Beobachtung, dass angesetzte Hefe „lebt“, sich zusehends verändert und um ein Vielfaches ihres Ausgangsvolumens aufgeht, ist für Kitty der unverhoffte Startpunkt eines langen und spannenden Weges aus der Tiefe ihrer Depression.
Kitty Tait ist 13, als sie in eine Depression abrutscht, so dass sie das Haus nicht mehr verlassen kann. Sie scheint zunächst keinen Weg heraus zu finden, so sehr sich ihre Familie auch um sie bemüht. Es wäre zu einfach, wäre Kitty am Ende des Buches geheilt. Mit Depressionen verhält es sich leider anders. Zurückgedrängt lauern sie darauf, sich abermals wie ein dunkler Schleier über das Leben zu legen.

Aber in dieser wahren Geschichte scheucht Kitty die Depression mit jedem Brot und jedem neu kreierten Rezept aus ihrem Alltag. Sie lernt, begleitende Panikattacken zu vertreiben, z.B., indem sie sich in ihrer winzigen Backstube flach auf den Boden legt oder, wenn es besonders schlimm ist, den Kopf zwischen ihre Starter in den Kühlschrank hält. Sie arbeitet hart und schafft es mehr und mehr, die Depression aus ihrem Alltag zu vertreiben.
Uber das Backen knüpft Kitty auch wieder Kontakte zur Außenwelt im Dorf, später bis nach London und schließlich weltweit. Kitty macht vielen Menschen mit ihrem Backwerk, ihren kreativen Rezepten und ihren unkonventionellen Werbe- und Backideen Freude, und ihre Kontakte wachsen zu einem ergiebigen und unterstützenden Netzwerk heran.

Mit Kitty backt von Anfang an ihr Vater Al. Al Tait ist eigentlich Lehrer. Aber um Kitty im Kampf gegen ihre Depression zu unterstützen, hängt er sein Lehrersein an den Nagel und wird schließlich Bäcker. Das ist keine leichte Entscheidung für Al. Er setzt sich aus Liebe zu seiner Tochter intensiv mit seinen Ängsten vor risikoreichen Investitionen und Selbständigkeit auseinander. Al backt mit Kitty Sauerteigbrot, Zimtbrötchen, Marmite- und Käsestrudel, Bananenbrot mit Karamell, Blumenkohlschnecken u.v.a.m. Kittys Ideen scheinen grenzenlos. Ihre Mutter und ihre beiden Geschwister halten beiden den Rücken frei und machen sich hier und da nützlich, wenn vier Hände nicht mehr ausreichen, weil nicht nur die Dorfbewohner bald für das Backwerk Schlange stehen.
Aus dem Brotbacken gegen die Depression wächst langsam aber sicher ein kleines Unternehmen: die Orange Bakery. Und wer selbst Initiative ergreifen und sich hineinspüren möchte in Kittys Backwelt, kann nach der Lektüre die Hände bis zu den Ellbogen in den Teig stecken, ihn kräftig kneten und dann den wunderbaren Duft von frisch gebackenem Brot genießen. Kitty hat einige ihrer bewährtesten Rezepte im Buch preisgegeben. Kittys Vater Al hat das Buch außerdem mit rührenden Illustrationen bereichert.

Dass die Menschen tatsächlich vor der Orange Bakery in Watlington (Oxfordshire/UK) Schlange stehen, hat ein lieber Freund übrigens mit eigenen Augen gesehen. Und weil die Schlange so außerordentlich lang war, konnte er nicht einmal ein Plätzchen testen. Bleibt nur noch: selber backen!
Auf Kittys Instagram-Kanal @kittytaitbaker erzählt sie ihre Geschichte – der Weg zur eigenen Bäckerei und wie sie ihre Depression bezwingt.
Hier kann man ins Buch schauen.
Kitty & Al Tait: Breadsong – The Orange Bakery. Backen für die Seele. 60 herzerwärmende Rezepte, die unser Leben veränderten.
Übersetzt von Susen Truffel-Reiff, Britta Bettendorf und Stefanie Gückstock.
Christian Verlag, Juli 2023, 304 S.

