(P)FUNDstück: 40 Dinge, die du ausprobieren musst, bevor du aufhörst zu glauben.

Von Lisa Menzel und Tobias Sauer

Gefunden von Dr. Isabel Schneider-Wölfinger im August 2025

Von Listen, Träumen, Orten und – Glauben

Noch ein Häkchen auf der Liste! Ein Plan, eine Lebensliste in verschiedenen Kategorien: Alle Kontinente besuchen, den Kongo erforschen, schwimmen in den größten Seen der Erde, fechten lernen und Violine und Flöte spielen, berühmte Berge besteigen wie den Kilimandscharo oder das Matterhorn, die kompletten Werke von u.a. Shakespeare, Platon, Hemingway, Tolstoi und die ganze Bibel lesen, Medizin studieren, Musik komponieren, auf einem Frachter als Seemann mitfahren. Mehr als 127 differenzierte Ziele hat sich der 15-jährige John Goddard 1940 vorgenommen. Fast alle hat er im Laufe seines Lebens erreicht, so hat er z.B. bis auf 30 alle Länder der Erde bereist.

John Goddard wollte das Leben nicht einfach an sich vorbeiziehen lassen, er wollte es gestalten. In seinem Umfeld hörte er von den Erwachsenen das Bedauern, dieses oder jenes nicht getan zu haben. Er war davon überzeugt, wenn er es sich vornimmt, gelingt es ihm auch.

Heute nennt man das Bucket-List. Unzählige Ideen und Tipps für die persönlichen Lebensträume finden sich im Internet. Das reicht von den Vorschlägen, was man alles auf eine Liste setzen könnte, bis zur kreativen Gestaltung, z.B. in Form eines Journals. Auch Kategorien werden empfohlen. Reisen stehen in der Regel ganz oben, Sport und Fitness, Beruf und Karriere, aber auch Fähigkeiten und Skills, Beziehungen und Familie sowie soziales Engagement. Mittsommer in Schweden erleben, einen Handstand machen, an einer Fundsachenversteigerung mitmachen, 33 Tage vegan ernähren, beim Neujahrsschwimmen in die Fluten springen, Drachen steigen lassen, ein Lied im Radio wünschen, ein Bergwerk besichtigen, Blut spenden, ein Möbelstück selber bauen, jodeln, eine neue Sprache lernen, Bungee-Jumping, durch die historische Altstadt von Worms schlendern und und und.

„Die Kunst, eine Bucket-List zu erstellen“ wird sogar im Magazin der Internationalen Hochschule erläutert.

Vor einiger Zeit stieß ich auf eine Aufzählung der ganz anderen Art: einer Art Bucket-List für den Glauben.

Lisa Menzel, evangelische Religionswissenschaftlerin, und Tobias Sauer, katholischer Theologe, von ruach.jetzt beschäftigen sich seit 2015 mit der Frage: Wie können/möchten/sollen wir heute über Glauben reden? Und lohnt sich das überhaupt? Sie beginnen ihr Buch mit den Worten: Herzlich Willkommen auf deiner Reise oder deiner Abschiedsrunde durch die 40 Dinge, die du ausprobieren musst, bevor du aufhörst zu glauben. Und gleich auf der Innenseite des Covers findet man die Liste. Hier einige Items:

Den Tag bewusst beenden. Von 100 herunterzählen. Auf Dinge verzichten. Staunen. Dein Gottesbild reflektieren. Brot und Segen mit Freund*innen teilen. Im Laufe des Tages Zeit nehmen, für das, was dir wichtig ist. Sich selbst in der Musik hören. Einen Satz atmen. Ubuntu. Hygge. Saudade.

Ich kann mir nicht unter allem etwas vorstellen. Saudade z.B. ist portugiesisch-galizisch und bedeutet so etwas wie Weltschmerz, Wehmut, Sehnsucht, Heimweh. Alle 40 Dinge werden beschrieben, in Kategorien zusammengefasst, so wie bei den sonst kursierenden Bucket-Listen. Sie heißen Basecamp, im Trubel überraschen lassen, Auszeiten gestalten, Kreativwerkstatt, im Schönen entdecken, hinter dem Horizont.

Die beiden verstehen es als einen Reiseführer an Orte, um nicht nur ein Bekenntnis zu haben, sondern sich selbst mit Techniken zu beschäftigen, „die Menschen dabei helfen sollen, den Blick in die Welt zu üben und Beziehungen eingehen zu können.“ (S. 8) Jedem Ort ist eine Beschreibung vorangestellt, damit der Leser weiß, was einem an diesem Ort erwartet, wenn man sich darauf einlässt. Und dann folgt eine Anleitung, wie man an diesem Ort verweilen kann. Am Ende jeder Übung gibt es einen Link mit weiterführenden Hinweisen.

Lisa Menzel und Tobias Sauer betonen, dass es keine Sammlung von Zauberformeln ist. Es sind keine Heilsversprechen, es braucht weder Vorwissen noch den Glauben an Gott oder spirituelle Skills. Aha- und Wow-Effekte könnten dabei sein – müssen es aber nicht. Aber es geht um Spiritualität und Glauben. Sie definieren es so:
Spiritualität ist eine Haltung, die Glauben als Beziehung zum Transzendenten ermöglicht, welche in Religion gemeinschaftlich sprachfähig wird und sich in Kirchen/Konfessionen selbst normiert.

Tobias erklärt es nochmal auf Youtube.

Einen der beschriebenen Orte greife ich heraus: Wieso es sich lohnt, „einen Satz atmen“ auszuprobieren:

  • Du verwendest deinen eigenen Autopiloten, indem du bewusst ein- und ausatmest.
  • Du kommst bei dir an und spürst einem Gedanken nach.
  • Du fokussierst dich, ohne Stille aushalten zu müssen.

Tobias Sauer nimmt dazu das Bibelwort: Ich bin die Ich-bin! Im Ein- wie im Ausatmen findet sich mit dem Wort ein Rhythmus. Ein – Aus – Ein – Aus.

Das Buch endet mit einem Bonus-Thema: Gottesbeweise.

x   Es gab immer wieder Menschen, die die Existenz Gottes mit unterschiedlichen Ansätzen beweisen oder Gegenbeweise anstellen wollten.
x   Es gibt ein nachvollziehbares Bedürfnis nach Sicherheit im Glauben.
x   Beim Glauben geht es aber nicht um Sicherheit, sondern um Vertrauen.

Und wer mehr zu Gottesbeweisen sehen möchte, dem empfehlen die Autoren, sich das Video aus der Reihe „Was zur Hölle“ anzuschauen.

Ob mit sich selbst oder mit anderen, im Privaten oder in Schule und Beruf. 40 Dinge, 40 Orte, 40 Anregungen über Glauben und Spiritualität ins Gespräch zu kommen.

Lisa Menzel und Tobias Sauer (Hg.): 40 Dinge, die du ausprobieren musst, bevor du aufhörst zu glauben. Freiburg: Herder, 2024