Am 9. November feiert Dietrich Steinwede seinen 95. Geburtstag. Wir wünschen dem langjährigen Dozenten des PTI alles Gute, Gesundheit und Gottes Segen!
Als Dozent des RPI Loccum von 1961 bis 1970 und des PTI der Evangelischen Kirche im Rheinland von 1970 bis 1993 hat er vielen jungen Lehrkräften Impulse für ihre Bildungsarbeit auf den Weg gegeben. Seine zahlreichen Publikationen haben die Religionspädagogik weit über das landeskirchliche Gebiet hinaus bereichert und stehen in den wissenschaftlichen Bibliotheken sowie in den Gemeindebüchereien. 2001 erhielt er die Ehrendoktorwürde der Evangelisch-Theologischen Fakultät Bonn.
Christoph Nicolai
Lieber Dietrich,
unsere Lebenswege trafen sich, als ich als Vikar zur religionspädagogischen Ausbildung ins PTI kam. Wissenschaftlich durch Studium und Examen gut vorbereitet – hatte ich keine Ahnung, wie ich dieses wichtige Gut des christlichen Glaubens Kindern nahebringen könnte. Aus Ahnungslosigkeit wurde schnell Begeisterung, und das kam so.
Im PTI wurde nicht nur Lehre vermittelt, sondern in praktischen Unterrichtsversuchen die „evangelische Unterweisung“, die ja längst nicht mehr so hieß, im Praxistest erprobt. Legendär sind die Bilder, wenn eine Heiderhofer Grundschulklasse in den Videoraum im Keller des PTI einzog und die „Auszubildenden“ vor laufender Kamera ihre Unterrichtsplanung in die Praxis umsetzten.
Das war von Dir alles gut vorbereitet, auch durch Deinen persönlichen Bezug zur Grundschule, so dass dieses Geschehen in einer vertrauensvollen Atmosphäre stattfand. Und für uns Lernende war der größte Lernfortschritt, dass durch die Videoaufzeichnung die Phasen des Lernprozesses genau analysiert werden konnten. Mit großer Ruhe und Kompetenz führtest Du uns durch diese Auswertungsphasen – und Du hast entscheidend dazu beigetragen, dass ich fortan mit Begeisterung meine Religionsstunden in der Grundschule meiner Vikariatsgemeinde durchführte.

Wie bringt man die biblische Tradition mit der Lebenswirklichkeit der Kinder zusammen? Dafür ist mir das rote „Vorlesebuch Religion“ von Dir und Sabine Ruprecht richtiggehend ans Herz gewachsen. Für jede „Befindlichkeit“ von Kindern gibt es dort Geschichten, die problematisieren, erklären, aufatmen lassen, die einen schnellen Zugang finden zur kindlichen Seele. Das hat auch mir Erwachsenem gutgetan.
Nach einer zwölfjährigen Gemeindephase wurde ich am 1.11.1986 zu Deinem Kollegen im PTI, zwar im anderen Fachbereich, Konfirmandenarbeit, aber mit ausreichenden Gelegenheiten, sich über zeitgemäße Formen der Weitergabe des Evangeliums auszutauschen. Das hat uns weiterhin mit einander verbunden in dem Bemühen, junge Menschen in Schule und Gemeinde die Bedeutung des christlichen Glaubens für ihr Leben aufzuzeigen.
Nach einer weiteren Gemeindephase hat mich mein Ruhestand dann wieder nach Bad Godesberg gebracht, und damit begann eine neue Phase unserer Beziehung, die wir beide als Freundschaft bezeichnen. Wir trafen uns in der Johannes-Kirchengemeinde und später immer mehr bei Dir zuhause.
Dass aus dem Lehrer ein guter Freund wurde, dass wir uns über so viele Themen des Lebens offen austauschen konnten, dass sich die innere Verbundenheit immer mehr vertieft hat, erfüllt mich mit großer Dankbarkeit. Und ich bin sehr dankbar, dass ich Dir das alles zu Deinem 95. Geburtstag nochmal sagen kann.
In herzlicher Verbundenheit
Dein Christoph Nicolai
Prof. Dr. Ulrike Baumann

Als ich im Frühjahr 1979 das PTI in Bad Godesberg betrat, bin ich Dietrich Steinwede zum ersten Mal begegnet. Zu diesem Zeitpunkt ahnte ich noch nicht, dass er einmal mein Kollege sein wird. Doch von Anfang an hatte ich viel Freude an der Zusammenarbeit mit ihm. Damals war ich Vikarin in der schulpraktischen Ausbildung, und ich denke bis heute gern an die Förderung zurück, die ich damals durch Dietrich Steinwede erfahren habe. Meine erste religionspädagogische Veröffentlichung geht denn auch auf seine Unterstützung und Fürsprache zurück: ein Modell für den Religionsunterricht über die Menschenrechte in der Reihe „PTI-Materialien“.

Später, in der Zeit, in der wir tatsächlich Kollege und Kollegin waren, habe ich in der Arbeit mit Vikarinnen und Vikaren sowie in zahlreichen Vokationstagungen sein intensives Engagement für die Kurse schätzen gelernt. Dietrich Steinwede war immer bemüht, allen Fragen nachzugehen, sich immer wieder auf mit der Zeit sehr viel jüngere Menschen einzustellen und ihr Verständnis für das Denken und Empfinden von Kindern zu fördern. Bis heute treffe ich im Rheinland Menschen, die ihre religionspädagogische Biografie mit seinem Namen verbinden.
Die Zahl der von Dietrich Steinwede im Laufe seines Lebens herausgegebenen oder verfassten Bücher für die religionspädagogische Praxis ist stattlich – und allein diese Produktivität ist für mich ein Grund zur Freude und Dankbarkeit. Während der Festzeiten des Jahres bin ich oft auf der Suche nach Texten und finde viel Biederes oder mit Moral Gespicktes. Gute Texte sind anders: Sie geben Fragen, Erfahrungen und Empfindungen von Menschen differenziert wieder. Sie laden Lesende oder Hörende zur Identifikation ein, wecken Mitgefühl und Einfühlungsvermögen. Sie lassen in der Schilderung eines besonderen Moments oder Ereignisses das Allgemeine erkennen. Sie fördern ein Gespür für Transzendenz. Häufig haben gute Texte ein nicht berechenbares und überraschendes Ende. Manchmal bleibt das Ende auch völlig offen.
Immer wieder hat Dietrich Steinwede ein sicheres Gespür für solche guten Texte und damit für Qualität bewiesen. Die Sammelbände „Vorlesebuch Religion“ (1971 ff) muss ich hier nicht mehr besonders hervorheben. Sie stehen fast bei jedem religionspädagogisch Tätigen im Bücherregal. Aber es gibt zahlreiche weitere Anthologien unter seiner Herausgeberschaft. Mir gefallen besonders das Bändchen „Das alles ist das Glück. Ein Lesebuch für die besten Jahre“ (2005), aber auch das ältere Buch „Wenn die Sonne sich verfinstert. Überlebensgeschichten – Texte von Angst und Hoffnung“ (1983) und nicht zuletzt „Er sendet seinen Engel vor dir her. Geschichten und Bilder von den Boten Gottes“ (1994). Sie alle enthalten Texte von besonderer Qualität, die zum Nachdenken einladen.
In der Religionspädagogik ist der Name Steinwede unauflöslich mit einer bestimmten Weise des elementaren Erzählens verbunden. Als eigenständiger Autor biblischer Erzählungen hat er diese Erzählweise authentisch praktiziert und bekannt gemacht. Elementar erzählen heißt für ihn: „Mit wenig Worten eine möglichst übereinstimmende und möglichst große bildhafte Wirkung erzielen. Ohne großen Aufwand und Redeschwall.“ (Werkstatt Erzählen, Münster 1974, 17)
Die kurze Nacherzählung eines Gleichnisses belegt die Stimmigkeit dieses Konzepts für mich besonders überzeugend:
So ist es mit Gottes neuer Welt:
Wie mit einer Perle,
einer großen wertvollen, wunderschönen Perle.
Da ist ein Perlenhändler. Er sucht edle Perlen.
Und er findet diese Perle.
Er geht hin.
Er verkauft alles, was er hat.
Er kauft diese Perle.
Er ist voller Freude.
(Und Zachäus stieg vom Baum, Gütersloh 1997, 48-49)
Dietrich Steinwede entspricht diese Erzählform des texttreuen Entfaltens, manchmal orientiert an der Bibelübersetzung von Buber/Rosenzweig, zuerst bekannt geworden durch das Bändchen „Zu erzählen deine Herrlichkeit“ (Göttingen 1965) und die Sachbilderbücher, aber in vieler Hinsicht bis heute bewährt. Mit dieser Form ist er vor aller Theorie als gläubiger Christ und als Person bei sich selbst.
Ich danke für das Geschenk all dieser lebendigen Textwelten und gratuliere herzlich zum 95. Geburtstag.
Prof. Dr. Marion Keuchen
Vom Prüfungsthema über den interreligiösen Austausch zur Nachnachfolge
Ein Blick in den Bogen bei der Anmeldung zur Prüfung: „Die Konzeption biblischen Erzählens von Dietrich Steinwede im Vergleich mit Walter Neidhart“. Wieder einmal. Die Bibeldidaktikerin Martina Steinkühler (2019) fokussiert die beiden Konzeptionen unter die grundlegende Frage: „Ist ein klarer, knapper Text, nah an der Vorlage, dazu geeignet, Verstehen anzubahnen, das dann zu Betroffenheit führt (Steinwede, 1976, 147;149)? Oder braucht ein Text Muße und Volumen, um die erzählte Welt und die Personen in ihr anschaulich und lebhaft vor Augen zu führen, so dass die Hörenden emotional involviert werden (Neidhart, 1976, 38)?“ Wie oft habe ich diese Fragen in Prüfungen mit angehenden Lehrkräften im Grundschulbereich an Universitäten diskutiert und wie oft war Dietrich Steinwede dadurch Prüfungsthema. Ein bewährtes und für die Schulpraxis relevantes Prüfungsthema!
Bei meinen eigenen bibeldidaktischen Forschungen zu Kinderbibeln kam ich um Steinwedes biblische Erzählbücher natürlich nicht herum und seine Werke – vor allem der 1980er Jahre – dienen mir bis heute als Exempel dafür, wie Informationen und Verkündigung in biblischen Erzählbüchern klar und gut verständlich voneinander getrennt sind. Bewährte und durchdachte Bücher!

In interreligiöser Zusammenarbeit gab Dietrich Steinwede 2010 zusammen mit Hamideh Mohagheghi, bei der ich selbst Seminare an der Universität Paderborn besucht habe, einen sogenannten ‚Kinderkoran‘ heraus: „Was der Koran uns sagt. Für Kinder in einfacher Sprache“. Dieses Werk begleitet mich als Forschungsgegenstand bis heute, erweitert es doch den Blick von Erzählungen aus der christlichen Heiligen Schrift um die Dimension des Erzählens aus der Heiligen Schrift des Islams. Ein bewährtes und neuartiges Werk!

2019 wurde ich dann selbst Dozentin am Pädagogisch-Theologischen Institut Bonn. Plötzlich war ich Nachnachfolgerin von Dietrich Steinwede und arbeitete mit Menschen zusammen, deren Kollege Dietrich Steinwede gewesen war. Es war eine große Freude, als Dietrich Steinwede 2019 zu unserer Einführung als neue PTI-Kolleg:innen (gemeinsam mit Dr. Christian Christopher König und Ralf Ramacher) gekommen ist.
In meinen Vokationswochen zu „Kindertora, Kinderbibel und Kinderkoran. Interreligiöses Lernen mit Heiligen Schriften“ liegen selbstverständlich Steinwedes biblische Erzählbücher und sein ‚Kinderkoran‘ auf dem Büchertisch. Wie gut ist es, dass seine Gedanken, Worte, Sätze und Visionen weiter in den Religionsunterricht getragen werden und dass Kinder, Jugendliche und Erwachsene an Erzählungen Heiliger Schriften teilhaben können! –
Astrid Weber

Dietrich Steinwede lernte ich einige Jahre nach seiner Pensionierung als Gast der Bibliothek des PTI in Bonn kennen, deren Verwaltung ich 1999 übernommen hatte, sowie als Gemeindemitglied, das in der Adventszeit eine besondere Andacht in der nahe gelegenen Immanuelkirche anbot. Unterstützt durch Bildende Kunst, Musik und Text lotete er jedes Jahr ein anderes Thema des Glaubens aus. Wenn er die Bibliothek aufsuchte, übereignete er ihr regelmäßig seine neueste Publikation. Besonders neugierig war ich immer auf die Bände, in denen er – ähnlich wie in seinen Andachten – Bilder der Kunst meditierte, sich quasi deren Seele näherte, behutsam, genau, mit einem liebenden Blick. Dieser Blick und diese Sorge um die Menschen, die Glaubensfragen stellen, wird ihn sicherlich schon als junger Lehrer nach dem Krieg eigen gewesen sein, als er auf das naheliegendste der Bildung und Tradierung zurückgriff – das Erzählen.

